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Visite in der Eden-Klinik
Professor Klaus Brinkduck ist an diesem Morgen sehr müde. Er hat gerade einen 24-Stunden-Dienst hinter sich gebracht und hatte in der Notaufnahme alle Hände voll zu tun. An Schlaf war da nicht zu denken. Pflanzen mit Dehydrationserscheinungen bildeten das Hauptklientel dieser heißen Nacht. Wie in jedem Sommer. Nun muss der Doc, dem nicht nur die Frauen vertrauen, noch die allmorgenliche Visite hinter sich bringen, bevor es ins wohlverdiente Frei geht.
Im Hospiz-Beet ist die Stimmung gedrückt. Frau Charentais, die nette Zuckermelone von nebenan, liegt im Sterben. Eine unbekannte Krankheit hatte sich ihrer Blätter bemächtigt und diese im Eiltempo vertrocknen und zerbröseln lassen. Auch ihre Leibesfrucht wurde in Mitleidenschaft gezogen. Professor Brinkduck muss zugeben, mit seinem Latein am Ende zu sein. Hier kann er nicht mehr viel tun. Weitere diagnostische Maßnahmen bei dem weiten Fortschritt der Krankheit verbietet ihm sein ethisches Empfinden. Psychosoziale Betreuung und eine effektive Schmerztherapie stehen nun im Vordergrund. Der Arzt spricht lange mit der Pflanze im Finalstadium, hört sich ihre Sorgen an und hält ihre welken Blätter. Frau Charentais ist dankbar und froh, dass der Doc ihr so viel Zeit opfert. Sie fühlt sich verstanden und nicht alleine gelassen.

Auf der Kinderstation ist Schwester Elke schon ganz aufgeregt. Wie immer, wenn Professor Brinkduck zur Visite kommt. Bereits seit ihrem Eintritt in die Eden-Klinik schwärmt sie für den gutaussehenden Mediziner. Besonders mag sie seine Augenringe nach den Nachtdiensten. Die geben dem ansonsten aalglatten Arzt etwas verruchtes, findet sie.
“Guten Morgen, Schwester Elke, sie sehen mal wieder fantastisch aus. Wie geht es denn der kleinen Melone Sugar Baby heute?” Nachdem die Röte vor Freude über das Kompliment verflogen war, berichtet die Fachpflegekraft. “Es geht aufwärts, der Zustand stabilisiert sich und die Kleine gewinnt täglich an Gewicht.” Die Wassermelone war eingeliefert worden, da sie für die fortgeschrittene Jahreszeit unterentwickelt ist. Eigentlich müsste sie vierfach so groß sein. Der Chefarzt notiert eine neue Anordnung in die Krankenakte: “Tägliches Entfernen aller zusätzlichen Blüten zur Unterstützung der Kräftezentrierung auf die eine Frucht”.
Nun hat es Professor Brinkduck geschafft. Er freut sich auf zwei freie Tage, die er mit seiner Geliebten verbringen wird. Wenn das Schwester Elke wüßte…
